Thursday, 22 November 2007

Theater, Theater und ein strenger Lehrer

Zwei Monate sind bereits verstrichen, und in mir macht sich das Gefühl des letzten Moments breit. Wir haben eine Aufführung vor uns in der 21. Schule, am 17. Dezember, wenn es klappt, und für Rustawi habe ich doch noch einige kleine Pläne. Mir liegt es irgendwie am Herzen diese Kinder für irgendeine Tätigkeit etwas zu gewinnen, in ihnen ein vielleicht dauerhafteres Interesse für etwas entfachen zu können. Wieder denke ich an Theater. Aber wie soll ich vorgehen? Es scheint vielleicht unmöglich in Rustawi mit den Kindern einen Theaternachmittag zu machen, doch ich finde, dass dies eine schlechte Startposition ist. Mir ist es ein Versuch wert, die Kinder mit Theater zu konfrontieren. Spielen? Ich muss zugeben, dass ich selber nicht wirklich weiss, wie man mit Strassenkindern und Kindern überhaupt Theater machen „sollte“, da wir hier nun ja leider auch niemanden angetroffen haben, der uns damit weitergeholfen hätte. Daher strecke ich gerade meine Fühler in alle Richtungen aus und versuche Leute zu treffen, die mit Kindern Theater machen.
Heute war ich zu Besuch im Kellertheater an der Chavchavadzestrasse bei Goga Pipinashvili. Jemand hat mir empfohlen ihn und seine Truppe Kinder, mit denen er arbeitet zu besuchen und mit ihm über Arbeit mit Kindern zu sprechen. Er ist selber Schauspieler und arbeitet mit Kindern, die unter Diabetes leiden, aber nicht nur. Ich habe ihm geschildert, wie und wo ich arbeite, den Umstand, dass ich ohne Organisation arbeite, mit Justs zusammen und dringend etwas Austausch auch benötige. Goga hörte eigentlich ganz aufmerksam zu, doch ich merkte, dass er doch auch sehr in seine eigene Welt versunken ist - zu Recht. Er macht sich Sorgen, dass ihm die Räumlichkeiten entzogen werden können, die dem Staat gehören, denn das ist schon mehere Male anscheinend passiert. Nicht nur ihm.
Die momentane politische Lage scheint in sehr zu beschäftigen und zu sorgen. Als betont apolitischer Künstler, der keinem Lager angehören will, machte er seinem ganzen
Ärger Luft. Die Kinder bekämen schon Politik zur Unterhaltung gefüttert, es sei alles eine grauenhafte Farce, was hier in der sog. Demokratie vorgehe. Was er erzählte und wie er argumentierte, erschien mir als sehr einleuchtend und nachfühlbar. Dennoch war ich froh nach ein paar Sätzen wieder beim Thema zu sein. Natürlich könne ich ihm und der Klasse zuschauen bei dem Theatertraining. In einer alten ehemaligen Turnhalle, vollgestellt mit Möbeln und Holz, fand das „Training“ statt. Viele Übungen waren mir bekannt und entsprachen ungefähr denen anderer Workshops. Einzig die Lehrmethoden unterschieden sich frappant von denen, die ich mir gewohnt bin. Goga hatte stets einen dünnen Stock zur Hand, mit dem er auf einen liegenden Stuhl einschlug, um einen Rhythmus zu geben. Sein verlängerter Arm schwirrte abundzu durch die Luft und streifte ein Knie oder eine Hüfte, die sich seiner Meinung nach zu selbständig gemacht hatten. Es war mir manchmal wirklich zu sehr Drill, aber insgesamt scheint er damit die Gruppe gut unter Kontrolle zu haben, und die Kinder scheinen es ihm gar nicht so übel zu nehmen. Etwas schmunzeln musste ich schon, denn ich hatte ehrlich gesagt nicht mit so einem authoritären Stil gerechnet.
Ich wusste allerdings nicht, was ich daraus für Rustawi oder die Deutschklasse und ihre Theatervorstellung schöpfen konnte. In einer Hinsicht war ich jedenfalls sehr beruhigt, meine Bedenken zu streng zu sein mit den Schülern, waren definitiv beseitigt worden.
Ich sprach danach noch lange mit Lia, der Koordinatorin und Gia, dem Spielleiter. Wir unterhielten uns darüber, ob wir hinsichtlich der Kinder in Rustawi etwas unternehmen könnten. Er meinte, dass sie selber genug beschäftigt seien mit den Kindern und ihren eigenen Produktionen („Hellados“). Dieser Eindruck entstand bei mir auch. Sie haben auch mehr Interesse dafür, dass man zu ihnen die Stücke schauen kommt und weniger für Workshops anderswo. Gia hatte aber eine Idee, die mir gefällt. Sie, die Spielleitung, wären bereit für die Tagesstätte „Sapovnela“ und ihre Lehrer Eintritte für ihr Kindertheater zu schenken und zuerst nach Rustawi zu fahren, um mit den Kindern über Theater im Allgemeinen und ihre Theaterarbeit mit den Jugendlichen und Kindern zu berichten. Es solle ein Nachmittag zum Thema Theater werden, wo die Kinder Möglichkeit hätten auch Fragen zu stellen. Ich werde diese Idee der Direktorin Nana morgen einmal vorschlagen und schauen, wie wir das Transportproblem lösen könnten.
Heute waren zwei Leute von einer Anti-AIDS Kampagne in der Tagesstätte und klärten die Jugendlichen dazu auf und liessen Fragen stellen. Leider fühlten sich davon nicht alle angesprochen und verliessen den Raum, aber etwas mag doch hängengeblieben sein. Es gab leider kein Anschauungsmaterial (geschweige denn die eigentlich sehr wichtigen kondome), das gibt es sowieso generell selten. Doch wahrscheinlich ist es bereits als enormer Schritt zu werten, dass es Leute gibt, die an Schulen Aufklärung betreiben.

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