Thursday, 22 November 2007

Ein langer Tag in Rustawi

Justs und ich setzten uns um halb zehn in die Marschrutka und fuhren bis vor die "Tore" Rustawis, wo wir unsere Tour begannen. Um elf trafen wir unseren treuen "Gid" Jascha, der uns volle drei Stunden durch Neu- und Altrustawi führte. Am Nachmittag machten Justs und ich mit den Mädchen am Schattentheater weiter und konnten sogar bereits "Rotkäppchen" auf georgisch sehen. Die Direktorin möchte sehr gerne mit den Kindern das Kellertheater in Tbilisi besuchen und freut sich, dass sich der Spielleiter und der Regisseur für Rustawi interessieren. Mich freut es, dass ich vielleicht etwas Kleines habe machen können und die Kinder Möglichkeit haben einen Einblick in Kinder- und Jugendtheater zu bekommen. Da ich sehr müde bin vom ganzen Tag, und Bilder eigentlich auch sehr gut erzählen, - ein paar Eindrücke.





Blocklandschaft Rustawi

Rotkäppchen

Zwei Clowns in Altrustawi (Justs, Jascha und ich)

Manchen ist einfach alles egal...schön







RUSTAWI


Theater, Theater und ein strenger Lehrer

Zwei Monate sind bereits verstrichen, und in mir macht sich das Gefühl des letzten Moments breit. Wir haben eine Aufführung vor uns in der 21. Schule, am 17. Dezember, wenn es klappt, und für Rustawi habe ich doch noch einige kleine Pläne. Mir liegt es irgendwie am Herzen diese Kinder für irgendeine Tätigkeit etwas zu gewinnen, in ihnen ein vielleicht dauerhafteres Interesse für etwas entfachen zu können. Wieder denke ich an Theater. Aber wie soll ich vorgehen? Es scheint vielleicht unmöglich in Rustawi mit den Kindern einen Theaternachmittag zu machen, doch ich finde, dass dies eine schlechte Startposition ist. Mir ist es ein Versuch wert, die Kinder mit Theater zu konfrontieren. Spielen? Ich muss zugeben, dass ich selber nicht wirklich weiss, wie man mit Strassenkindern und Kindern überhaupt Theater machen „sollte“, da wir hier nun ja leider auch niemanden angetroffen haben, der uns damit weitergeholfen hätte. Daher strecke ich gerade meine Fühler in alle Richtungen aus und versuche Leute zu treffen, die mit Kindern Theater machen.
Heute war ich zu Besuch im Kellertheater an der Chavchavadzestrasse bei Goga Pipinashvili. Jemand hat mir empfohlen ihn und seine Truppe Kinder, mit denen er arbeitet zu besuchen und mit ihm über Arbeit mit Kindern zu sprechen. Er ist selber Schauspieler und arbeitet mit Kindern, die unter Diabetes leiden, aber nicht nur. Ich habe ihm geschildert, wie und wo ich arbeite, den Umstand, dass ich ohne Organisation arbeite, mit Justs zusammen und dringend etwas Austausch auch benötige. Goga hörte eigentlich ganz aufmerksam zu, doch ich merkte, dass er doch auch sehr in seine eigene Welt versunken ist - zu Recht. Er macht sich Sorgen, dass ihm die Räumlichkeiten entzogen werden können, die dem Staat gehören, denn das ist schon mehere Male anscheinend passiert. Nicht nur ihm.
Die momentane politische Lage scheint in sehr zu beschäftigen und zu sorgen. Als betont apolitischer Künstler, der keinem Lager angehören will, machte er seinem ganzen
Ärger Luft. Die Kinder bekämen schon Politik zur Unterhaltung gefüttert, es sei alles eine grauenhafte Farce, was hier in der sog. Demokratie vorgehe. Was er erzählte und wie er argumentierte, erschien mir als sehr einleuchtend und nachfühlbar. Dennoch war ich froh nach ein paar Sätzen wieder beim Thema zu sein. Natürlich könne ich ihm und der Klasse zuschauen bei dem Theatertraining. In einer alten ehemaligen Turnhalle, vollgestellt mit Möbeln und Holz, fand das „Training“ statt. Viele Übungen waren mir bekannt und entsprachen ungefähr denen anderer Workshops. Einzig die Lehrmethoden unterschieden sich frappant von denen, die ich mir gewohnt bin. Goga hatte stets einen dünnen Stock zur Hand, mit dem er auf einen liegenden Stuhl einschlug, um einen Rhythmus zu geben. Sein verlängerter Arm schwirrte abundzu durch die Luft und streifte ein Knie oder eine Hüfte, die sich seiner Meinung nach zu selbständig gemacht hatten. Es war mir manchmal wirklich zu sehr Drill, aber insgesamt scheint er damit die Gruppe gut unter Kontrolle zu haben, und die Kinder scheinen es ihm gar nicht so übel zu nehmen. Etwas schmunzeln musste ich schon, denn ich hatte ehrlich gesagt nicht mit so einem authoritären Stil gerechnet.
Ich wusste allerdings nicht, was ich daraus für Rustawi oder die Deutschklasse und ihre Theatervorstellung schöpfen konnte. In einer Hinsicht war ich jedenfalls sehr beruhigt, meine Bedenken zu streng zu sein mit den Schülern, waren definitiv beseitigt worden.
Ich sprach danach noch lange mit Lia, der Koordinatorin und Gia, dem Spielleiter. Wir unterhielten uns darüber, ob wir hinsichtlich der Kinder in Rustawi etwas unternehmen könnten. Er meinte, dass sie selber genug beschäftigt seien mit den Kindern und ihren eigenen Produktionen („Hellados“). Dieser Eindruck entstand bei mir auch. Sie haben auch mehr Interesse dafür, dass man zu ihnen die Stücke schauen kommt und weniger für Workshops anderswo. Gia hatte aber eine Idee, die mir gefällt. Sie, die Spielleitung, wären bereit für die Tagesstätte „Sapovnela“ und ihre Lehrer Eintritte für ihr Kindertheater zu schenken und zuerst nach Rustawi zu fahren, um mit den Kindern über Theater im Allgemeinen und ihre Theaterarbeit mit den Jugendlichen und Kindern zu berichten. Es solle ein Nachmittag zum Thema Theater werden, wo die Kinder Möglichkeit hätten auch Fragen zu stellen. Ich werde diese Idee der Direktorin Nana morgen einmal vorschlagen und schauen, wie wir das Transportproblem lösen könnten.
Heute waren zwei Leute von einer Anti-AIDS Kampagne in der Tagesstätte und klärten die Jugendlichen dazu auf und liessen Fragen stellen. Leider fühlten sich davon nicht alle angesprochen und verliessen den Raum, aber etwas mag doch hängengeblieben sein. Es gab leider kein Anschauungsmaterial (geschweige denn die eigentlich sehr wichtigen kondome), das gibt es sowieso generell selten. Doch wahrscheinlich ist es bereits als enormer Schritt zu werten, dass es Leute gibt, die an Schulen Aufklärung betreiben.

Schattentheater und Stadtführung in Rustawi

Ich war selber etwas erstaunt über meine heutige Entschlossenheit ein kleines Schattentheater mit den Kindern zu basteln. Mit einem Pirveli-International-Karton (Zigarettenmarke, die es meiner Meinung aber auch nur in Georgien gibt) stieg ich in die Marschrutka nach Rustawi. Nana, die Zeichenlehrerin war da und ich erzählte ihr, was wir machen können. Sie hat ein altmodisches Bastelbuch mit sowjetischen Heile-Welt-Bildchen. Da drin wird demonstriert, wie man ein solches Mini-Theater basteln kann. Man braucht dazu Karton für die Figuren, kleine Stengel, auf welche man die Figuren stecken kann, ein weisses Tuch und eine Lampe - ganz einfach. Nana ist für solche Ideen die richtige Ansprechperson. Wenn ich diese Frau sehe, bekomme ich gute Laune. Sie ist immer glücklich, wenn was läuft, etwas zu tun ist oder es Süssigkeiten gibt. Obwohl wir uns einigermassen in Russisch verständigen könnten, bleibt sie eisern bei ihrem selbsterlernten Englisch und gibt sich extrem viel Mühe dabei. Die Mathematiklehrerin gibt sich betont komplizierter in Fragen Schattentheater und wollte mir die Idee ausreden, da es kein Leintuch gab. Nana ist zum Glück eine der Lehrerinnen, die sich nicht wegen Kleinigkeiten geschlagen gibt, und sie fand ein übergrosses weisses Hemd, aus dem sie ein grosses Viereck schnitt. Die Mädchen waren auch alle angetan von dem Figurenbasteln, und so konnten wir heute anfangen. Morgen werden wir die Figuren fertig haben und mit den Kindern anfangen etwas zu spielen.
Justs und ich machen morgen Vormittag eine Tour durch Rustawi und machen einige Fotos. Um elf treffen wir Jascha und vielleicht auch Jura, die uns die Stadt aus ihrer Sicht zeigen werden. Mich interessiert ihr Blick auf die Stadt, die Plätze, die ihnen gefallen oder missfallen, die Orte, wozu sie etwas erzählen möchten. Zuerst wollen wir selber etwas durch die Gegend streifen, danach mit ihnen zusammen alles anschauen.
Ich glaube fest daran, dass der Umstand, dass sich jemand für sie und ihre Stadt interessiert, ihnen Mut macht und etwas in ihnen bewegen kann.

Der Laternenumzug (soz. im Namen des St. Martin)





David und Nadia waren vor einiger Zeit einmal in unserer Schule und hatten ab soviel Begeisterungsfähigkeit von Seiten der Kinder Lust bekommen einen Laternenumzug zu organisieren. Anna, Nadias Freundin, brachte von Deutschland grosse Papierbögen mit, denn solche Bastelwaren sind doch relativ schwer zu finden hier. Justs und ich kamen mit unseren Theatereinkäufen direkt vom Markt zur Schule, wo sich fast alle Kinder, die Deutsch lernen, versammelt hatten. Die Deutschlehrerin Nino hastete schon ganz aufgeregt durch den Raum, und wir halfen ihr mit Tisch decken. Wir hatten nämlich den Kindern gesagt, sie sollen etwas zu Essen mitbringen, damit niemand hungrig würde bis zum Abend. Tatsächlich war das auch unmöglich: wir rechneten nämlich nicht damit, dass jedes Kind einen von Mama gebackenen Kuchen mitbringt und dazu noch ganze Kartons voll mit Éclairs, Vanilletrompeten und Torten. Von den ganzen Chatschapuris (Blätterteig od. Teig mit Käse) und Lobios (dasselbe, aber mit Bohnen) sowie Fruchtkörben rede ich gar nicht. Material konnten sie tatsächlich nicht soviel mitbringen fürs Basteln. Eine Schere und ein Nagelscherchen sowie zwei kleine Fläschchen Leim und etwas Papier waren da. Als die anderen drei (David, Anna und Nadia) mit dem Material ankamen, ging es los. Gut zwanzig Kinder waren da, und wir verteilten sie an drei Tische, an denen sie an ihren Laternen basteln konnten. Für alle glaube ich war es das erste Mal, dass sie so etwas basteln konnten. Wir gaben ihnen eine kleine Anleitung, wie es geht, und halfen einfach, wo es nötig war - auch den Lehrerinnen, die mindestens soviel Spass beim Basteln hatten wie die Schüler. Es entstanden erstaunlich schöne Laternen mit verschiedenen Mustern und Farben. Einige schienen die Aufgabe spielend hinzukriegen, während andere erst mal zuerst nicht richtig wollten und sich das nicht zutrauten. Am Ende hatte sich aber eigentlich fast jeder eine eigene Laterne gebastelt. Während der ganzen Bastelstunde musste ich an meine eigene Schulzeit denken und realisierte zum ersten Mal, was ich als Kind eigentlich hatte. Im Alter von fünf oder sechs Jahren lernte ich zu weben, Geschenke für den Muttertag zu basteln, musste mit anderen Kindern mit der Laubsäge Schlüsselbrettchen herstellen... Das war alles so selbstverständlich. Das Material ist schliesslich leicht zu besorgen, die Schulen sind alle auf solche Tätigkeiten ausgerichtet. Wie anders ist es hier: ich hatte Probleme grosse Strassenkreide zu finden, fand nur die kleinen Tafelkreiden. Grosses Papier ist ebenfalls schwer aufzutreiben und könnte sehr teuer sein. Ein kinderleichter Farbstrich ist hier nicht so selbstverständlich also wie bei uns. Als alle ihre Laternen fertig hatten, holte David seine Gitarre und wir sangen natürlich „Ich geh mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir. Dort oben leuchten die Sterne, hier unten leuchten wir. Etc.“. Danach gab es Tee und „à la fourchette“, wie die Lehrerin Nino es genussvoll nennt. Es dunkelte, und es beinahe schon ganz finster war, nahm jeder seine Laterne, zündete die Kerze an und begab sich auf den kleinen Umzug durch das Blockquartier auf dem vierten Plateau. Es war ein schöner Abend und der Abschied fiel nur umso herzlicher aus.

Einkauf auf dem Markt/19.11.

Am Freitag führten wir zum Aufwärmen Tee und Turnen ein. Wir haben das Stück praktisch zuende gelesen, morgen werden wir wieder einige Szenen einstudieren. Ein Junge hat uns heute gesagt, dass er nicht mehr mitmachen könne, da er sehr viele Privatstunden nehmen muss. Es gibt also noch ein kleines Problem. Justs und ich waren heute Vormittag auf dem Markt beim Hauptbahnhof und machten eine grössere Tour durch jenste Geschäfte. Wir fanden erstaunlich viele Sachen: alte Gemüsesäcke, Strümpfe für die Gesichtsmasken, eine Regenrinne, die man prima als Megaphon verwenden kann, kleine dünne Bienenwachskerzen (gesegnet), 6m Stoff, Zigarettenkartons, Kartonröhren, Draht... Der Baumarkt zieht mich magisch an; es macht mir Spass mir etwas auszudenken mit den ganzen Einzelteilen, die man da findet - für ein Theater eine Goldgrube. Auch sonst mag ich das chaotisch geordnete Durcheinander mit den Peperonistapeln, den vollen Nussäcken, den Kaffeebohnensäcken, den vollbeladenen Leiterwagen etc. Jetzt haben wir doch etwas an Material zusammen, damit wir am Wochenende etwas besser auf der Bühne proben können.








Thursday, 15 November 2007

Ein paar Eindrücke von Rustawi

Nana, die Zeichenlehrerin. Ihre frische positive Art und ihre Fröhlichkeit mag ich so sehr.
Mit ihr möchte ich gerne einmal eine englische Teerunde machen mit den Kindern.
Georgi versteckt sich hinter dem grossen Ahornblatt.

Jascha und Giorgi in Tbilisi vor dem Opernhaus, wo wir ein Ballett anschauten. Nicht eben eine Sache für Jungs - aber immerhin: "die Mädels waren schon klasse"!

Giorgi auf seinem x-ten Streich...


Nino lebt ganz im Zeichen des RAP. Dazu die perfekte Hinterhofromantik...

Friedliche Tage


Es ist friedlicher geworden. Auf den Strassen ist alles so wie es einmal vor dem 7. November war. Heute verbrachte ich einige Stunden in Rustawi. Das Zeichenprogramm "Keine Gewalt" ist tatsächlich eher versandet. Lediglich zwei Jungs haben zum Thema etwas zeichnen wollen. Ich unterhielt mich länger mit den Lehrerinnen (in Englisch!) und versuche ihnen etwas Unterstützung zu geben. Ich werde einen kleinen Comic mit einem Computerprogramm anfertigen, wozu ich Fotos und Zeichnungen der Kinder verwende. Eine Lehrerin sollte mir dann die Sprechblasen in georgischer Sprache füllen. Ich denke, dass dies ein Andenken sein wird. Am ersten Dezember kommen Leute vorbei, die AIDS-Aufklärung betreiben. Diesen Tag festzuhalten scheint mir lohnenswert. Mit der Betreuerin Keti schau ich, dass wir einen Filmnachmittag durchführen können, wobei der Film mit den Kindern besprochen werden soll.
Alles Andere wird sich mit der Zeit ergeben. Der 17-jährige Jura ist sozusagen mein Fotoassistent und ich vertraue ihm abundzu meine Kamera an. Er hat ein paar gute Fotos gemacht. HipHop, RAP und Crime sowie Love scheinen die Themen zu sein. Man versucht ja jeweils herauszufinden, für was sie sich interessieren.


Letzter Dienstag

Der heutige Theaterworkshop zeigte mir, wieviel Zeit und Geduld es braucht und noch brauchen wird, bis wir miteinander eine einheitliche Geschichte erzählen können. Noch ist es verzettelt, man muss sich noch zu stark auf sich und seinen Text konzentrieren, als dass man wirklich auf den anderen bereits spielerisch eingehen könnte. Das heisst an manchen Stellen gelingt das bereits, doch wir müssen es wieder und wieder proben. Dabei habe ich den Eindruck, dass wir sehr viel reden, auch dazwischenreden, unterbrechen, korrigieren. Heute waren alle reichlich müde, und die Konzentration fiel schwer, auch uns.
Solche Momente sind die eigentliche Herausforderung. Klar, Theaterspielen macht Spass, doch es steckt für jeden auch eine Menge Arbeit dahinter.
Ich glaube persönlich sehr an diese aufgestellte Gruppe und ihr Können. Unser Wunsch ist, sie zu selbständigem Handeln und eigenen Ideen anzuregen. Es besteht vermutlich noch die Vorstellung, dass wir nun mit ihnen ein Theater machen, ihnen sagen, was zu tun ist.
Wir wollen das aber zu ihrem Werk machen, an dem jeder und mit der Hilfe des anderen beteiligt ist. Vielleicht werde ich die Möglichkeit haben micht mit einer Person zu unterhalten, die Theaterworkshops mit Kindern und Jugendlichen in Heimen und Schulen durchführt. Ich erhoffe mir dadurch etwas Gedanken- und Ideenauffrischung. Besonders in Hinsicht auf Rustawi, wo wir auch einmal ein kleines Theaterprogramm in Betracht gezogen haben, würde mich dies interessieren.

Monday, 12 November 2007

Rustawi und Sapovnela

Zweimal pro Woche fahre ich dorthin, um in der Kindertagesstätte "Sapovnela". Es sind dort um die vierzig Kinder und Jugendliche jeweils versammelt. Waisen, Halbwaisen, Strassenkinder, Kinder aus zerrütteten Familien, Kinder ohne elterliche Zuwendung kommen hierher. Es ist ein Kommen und Gehen. In den paar Räumen werden in kleineren Gruppen Hausaufgaben erledigt und Unterrichtsstunden gehalten. Üblicherweise ist das nicht einfach, da immer wieder jemand hereinkommt und die Ruhe stört. Manchmal werden die Zimmer von innen deshalb abgeschlossen.
Da jedes Alter vertreten ist, ist es besser sich jeweils ein kleines Programm auszudenken, um die Kids zu beschäftigen.
Bisher glückten uns zwei Nachmittage ganz gut, während an anderen einfach nichts anzufangen war.
Man hat es mit sovielen unterschiedlichen Kindern zu tun, wie kann man für alle ein passendes gemeinsames Spiel finden und alle bei Laune halten?
Vor allem, wenn Konzentration und Zusammenarbeit gefragt sind, wird es schwierig.
Vor zwei Wochen gelang uns ein sehr schöner Nachmittag auf dem Hinterhof, wo wir für die Kinder einige Materialien zusammengehäuft hatten, mit denen sie frei den Hof gestalten konnten. Es ging um eine Art "temporäres" Kunstwerk.
Womit ich weniger glücklich gewesen bin bis jetzt ist das Gestalten eines Kalenders zum Thema "Keine Gewalt", anlässlich des UN Kindertages am 19. November.
Man wird sehr häufig Zeuge von Gewaltanwendung unter den Kindern.
Daher schlug ich vor, dass die Betreuer zuerst versuchen das Thema den Kindern zugänglich zu machen. Mir ist unklar, wie das Vorgehen im Einzelnen dazu aussieht, jedoch habe ich bisher nicht viel mitbekommen, und es wird einem auch wenig erzählt, wenn man nicht ganz ausdrücklich nachfragt.
Einzig ein buntes Plakat mit einem Häuschen spricht das Thema "Frieden und keine Gewalt" an. Die Kinder sollen danach etwas dazu zeichnen. Die meisten zeichnen schnittige Autos oder hüpfen nach den ersten Strichen davon. Eine Ausnahme war bisher eine Rose, welche auch gleich einem Wutausbruch zum Opfer fiel und in Fetzen endete. Es ist somit eine Sysiphosarbeit. Ein Schritt vor und zwei zurück, kommt es mir vor.
Ich würde gerne noch etwas Ausführlicheres zum Thema "Keine Gewalt" veranstalten und denke über einen kleinen Zeichen und Fotocomic nach.
Es ist eine ganz neue Erfahrung für mich mit solchen Kindern zusammen etwas unternehmen zu wollen. Einige scheinen eine so unglaublich rauhe Schale zu haben und beginnen doch scheinbar wegen Kleinigkeiten zu weinen. Viele Jungs sehen aus wie nach einer Schlacht, einige verletzen sich auch selber. Daneben gehen die kleinen russischen Mädchen, die den Nachmittag ruhig und summend in Nanas ruhigem Zeichenzimmer verbringen, beinahe etwas unter. Sie benehmen sich betont ruhig und nachgiebig, wahrscheinlich wohlwissend, dass man besser nachgibt. Ich kenne nicht die Hintergründe jedes Einzelnen, doch einige Kinder verbringen ihr Leben unter unwürdigen Umständen. Da viele sehr gut russisch sprechen, ist eine Unterhaltung gut möglich. Für die anderen wende ich meine bescheidenen Georgischkenntnisse an oder mache Gebrauch von den Übersetzungsdiensten der älteren Jungs. Der Georgischunterricht lohnt sich für die Arbeit in Rustawi auf jeden Fall.
Die Arbeitsmethoden unterscheiden sich sehr von denen, die wir in Westeuropa kennen. Das Schema "Wir denken uns etwas aus und arbeiten nach einem gezielten Programm " scheint hier nicht so zu funktionieren. Ich frage mich natürlich trotzdem, ob man mit etwas mehr Methode den ständigen Schlägereien und Streitereien nicht etwas beikommen und den Kindern etwas Wertvolles auf ihren Weg mitgeben könnte.
Die einzelnen Lehrer sind sehr liebenswürdig, da sie spürbar Kinder sehr mögen. Manchmal scheint mir, dass sie mit den Konflikten überfordert sind. Daher lohnt es sich auch mit den Erwachsenen dort zu reden und ihnen eigene Ideen zu zeigen. Sie sind nämlich auch sehr offen dafür. Nur die Realisierung ist jeweils nicht einfach.
Letzte Woche waren die männlichen Betreuer nicht da. Man schrie herum und schimpfte. Die Jungs lieferten sich grobe Schlachten. Ich war an jenem Tag die einzige Voluntärin und wollte mit den Kindern an den Zeichnungen arbeiten. Das war unmöglich. Es erschien mir auch zynisch etwas zum Thema "Gegen Gewalt" zu zeichnen, während die Jungs sich buchstäblich die Fäuste in die Kiefer rammten. Meine letzte Idee war eine runde PingPong, und, immerhin, man schlug sich nicht.
Wir können versuchen auf einzelne Kinder einzugehen, uns Zeit zu nehmen für sie, ihnen die Langweile mit Spielen zu vertreiben.

Das fällt mir bisher generell auf in Georgien: es wird stets alles und jeder auf ein Event hin mobilisiert, doch im Alltag scheinen die Uhren oft stillzustehen. Ich kann zum Beispiel nicht sehen, woran die Betreuer mit den Kindern täglich versuchen zu arbeiten, welche Schritte sie unternehmen, um die Jugendlichen gesellschaftlich zu integrieren.
Hierzu möchte ich aber gerade auch betonen, dass ich noch nicht sehr lange dort arbeite, nicht täglich, und dass Kritik immer leichter ist als "gutes" Handeln. Die Eindrücke, die ich in "Sapovnela" bekomme, sind sowohl positiv als auch negativ. Die Arbeit mit diesen Kindern ist auf jeden Fall alles andere als leicht doch auf seine Weise ein sehr wichtiges Erlebnis. Es ist gleichermassen schön und schmerzhaft. Schmerzhaft, die kleinen Kreaturen der Strasse zu sehen, die sich mit ihrer rauhen Stimme anschreien und schlagen. Schön, wenn ein Kind das Vertrauen zu dir und den anderen gefasst hat und von sich aus etwas erzählt und plötzlich ganz Kind sein kann.

Starker Wind

Der starke Wind hat den Regen vertrieben. Man geht mit hochgeschlagener Kapuze den mittlerweile friedlichen Rustaweli entlang. Die Flaggen vor dem Parlament flattern - die Georgien- und EU-Flagge. An der Ecke steht die Propagandasäule für den Nato-Beitritt. Diese Zugehörigkeitssymbole sind aus der neuen Perspektive, nach den Ereignissen des 7. Novembers, etwas anders zu deuten. Die angestrebte Zugehörigkeit dient nicht nur als prestigereicher Schmuck der "modernen demokratischen Regierung" (ich würde behaupten, dass "demokratisch" synonym zu "westlich, modern, als letzter Schrei" verwendet wird), sondern auch zum Schutz der Bevölkerung und ihrer Rechte.
Man fragt sich seit dem 8. November, als Saakaschwili anscheinend klein beigab und vorgezogene Wahlen für den 5. Januar ankündigte, warum das ganze Drama notwendig war?
Offensichtlich steht er unter Druck von Seiten der USA, Nato und EU sowie OSZE. Merkwürdig, dass er deren Reaktion nicht im Voraus hatte abschätzen können. Versteht der Mann tatsächlich so wenig von Demokratie? Anscheinend. Jedenfalls wurden am Folgetag, dem 8. November, Ausschnitte aus westeuropäischen Demoveranstaltungen gezeigt. Vermutlich hoffte er noch den Einsatz von Wasserwerfern und Gummigeschossen anhand westeuropäischer Beispiele rechtfertigen zu können. Dass die Leute hier in Tbilisi friedlich Sonnenblumenkerne kauend, unmaskiert, mit Familie und Picknick aufgekreuzt waren, wollte die Reportage offensichtlich verleugnen.
Von einem "schwarzen Block" ist tatsächlich erst die Rede, wenn man die Sondereinheit "Spec. Nac." anschaut, dem Subcomandante Marcos nachempfunden.
Saakaschwilis Vorgehen wirkt vor dem gewünschten NATO- und EU-Beitritt extrem befremdlich, und man beginnt sich wirklich zu fragen, was sich der Mann denn dabei gedacht hat.
Andererseits weigert er sich nun auch standhaft gegen die Aufhebung des bis zum 22. November (vierter Jahrestag der Rosenrevolution) verhängten Ausnahmezustandes. Ist dies vielleicht noch eine Möglichkeit das Gesicht vor dem Volk zu retten?
Auf www.civil.ge ist Folgendes zu lesen:

"The state of emergency imposed in Georgia “seem to be quite far-reaching” in contrast to the challenges posed by the November 7 unrest in Tbilisi, Peter Semneby, the EU special envoy, said at a news conference in Tbilisi.He said that in the short term, recent developments in Ge orgia had “obviously been a distraction from the normal agenda of relations between Georgia and the European Union.”

USA: “At the same time, we continue to urge the Government of Georgia to lift the state of emergency and restore all media broadcasts. These are necessary steps to restore the democratic conditions for the election and referendum.”

Es geht weiter damit, dass der reiche Medienmogul, der in Russland grossgewordene Oligarch Badri Patarkazischwili, sich ernsthaft für das Amt des Präsidenten interessiert.

In der NZZ von heute (12.November, 2007) ist dazu folgendes zu lesen:

"Der in Russland zu Reichtum gekommene Patarkazischwili erhielt im Lager der Regierungsgegner spontan keine Unterstützung. Es sei nicht geplant, den Oligarchen als Einheitskandidat der Opposition zu benennen, sagte einer der Vorsitzenden der Republikanischen Partei, Iwlian Chaindrawa, nach Angaben der Agentur Interfax. Gegen Patarkazischwili wurde von der georgischen Staatsanwaltschaft nach den Massenprotesten ein Verfahren eingeleitet. Dem Miteigentümer des georgischen Oppositions-Fernsehsenders Imedi wird vorgeworfen, er habe mit den Protesten einen Staatsstreich gegen Saakaschwili herbeiführen wollen. Der Oligarch finanziert laut eigenen Angaben die georgische Opposition.
Staatschef Saakaschwili hatte den Ausnahmezustand unter anderem mit der Begründung verhängt, Oligarchen mit Beziehungen zu Russland hätten einen Staatsstreich in der Kaukasusrepublik geplant."

Patarkazischwili, ein neuer Stern am Himmel? Wir nennen ihn mittlerweile scherzhaft Asterix aufgrund leichter Ähnlichkeit und des Zaubertranks, der hier als einziger Menschen beinahe unverwundbar macht - Geld.

http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Badri_Patarkazischwili.jpg



Thursday, 8 November 2007

Kalter Regen über Tbilisi - Nachmittag

Mittlerweile wissen alle, was gestern hier geschehen ist. Nicht nur ich, auch die Leute, mit denen ich hier den Tag verbringe, Ausländer, Georgier - wir sind ziemlich fassungslos.
Wäre es nicht so tragisch, würde ich die Ereignisse und das Vorgehen der Regierung als lächerlich beschreiben.
Ich kam zum Platz Voronzova, in dessen Nähe ich wohne. Mir fiel auf, wieviele Autos und Leute geradezu hysterisch auf dem Weg verhielten. Sehr viele Ambulanzfahrzeuge rasten heulend vorüber. Von der Brücke her rannten Leute auf den Platz. Ein Mann sagte mir die Demonstration sei aufgelöst worden. Darauf waren schwarz maskierte Männer mit hölzernen Schlagstöcken zu sehen, die den Leuten hinterherrannten. Einige waren komplett in Schwarz, andere in Jeans, einige hatten primitive Holzknüppel, andere die üblichen Gummiknüppel. Diese heterogen aussehende Gruppe schien mir zuerst eine Bande Autonomer zu sein, doch das ist die sogenannten Spec.Nac., Sondereinheit der Regierung. Sie wollten sicher machen, dass die Leute vom Zentrum, um den Rustaweli, fernblieben. Dabei gingen sie sehr aggressiv gegen die unbewaffneten Demonstranten vor. Eine junge Frau warf sich wütend gegen einen Maskierten und beschimpfte ihn. Ich bangte in dem Augenblick und war froh, dass er die Frau lediglich abschüttelte und abgesehen von den Drohgebärden gegen sie nicht so verfuhr wie gegen die Männer. Da wurde teilweise wirklich kraftvoll zugeschlagen.
Es beruhigte sich nach einer Weile, die Einheit zog ab, einige Steine flogen ihnen nach. Zwei Freunde, die in der Innenstadt waren, Nadja im Okkupationsmuseum v.a., erfuhr ich, was sich in der Innenstadt abspielte. Mit Tränengas wurde gegen die Menge vorgegangen. Scharenweise Sicherheitskräfte in Gasmasken. Ich stellte mir vor, dass die ganzen Rentnerinnen und Rentner auf dem Rustaweli standen und mit dieser Situation völlig überrascht wurden.
Ich entschloss mich trotz der Ereignisse nach Rustawi zu fahren. Die Situation dort war leider auch sehr chaotisch und artete fast in Prügeleien der Jungs aus. Die Lehrerinnen waren am Ende ihrer Nerven und die männlichen Betreuer waren nicht da. Meine beiden Kollegen Justs und Jugas waren auch nicht da. Es war eigentlich eine Übertragung der Stimmung aus der Hauptstadt. Man zerriss sich die Zeichnungen, schlug aufeinander ein wegen Bagatellen, und die Lage schien einfach unrettbar. So entschloss ich mich mit den Jungs wenigstens zur Ablenkung PingPong zu spielen. Immerhin prügelten sie sich dann nicht und spielten. Für nächste Woche werde ich mit meinen Freunden unbedingt wieder ein Programm ausdenken. Spontan etwas zu unternehmen ist wahnsinnig schwierig. Die Direktorin riet mir früher zurückzufahren, was ich dann auch tat. Man wusste nicht, ob die Stadt blockiert werden könnte und der Verkehr normal fliesst.
Als unsere Marshrutka in die Stadt hineinfuhr, fuhren sehr viele Armeefahrzeuge heran, und unbewaffnete Soldaten bezogen in grösseren Trupps Stellung.
Alles schien so übermässig dramatisch zu werden: junge Männer, die Georgienflagge hissend und die Faust gen Himmel geballt fuhren lärmend und hupend in ihren Autos durch die Strassen, die Frauen bekreuzigten sich und murmelten etwas, zur grossen Goldkirche blickend.
Ich ging nach Hause, um mit Tsira und Boris, bei denen ich mit David Wagner wohne, Nachrichten zu schauen.
Die Opposition hatte sich noch an einem anderen Ort versammelt, nun waren alle Sicherheitskräfte darum bemüht diese von dort auseinanderzutreiben. Dafür wurde mit grösserem Geschütz vorgegangen: ein nagelneuer Wasserwerfer fand seinen wohl ersten Einsatz und Gummigeschosse flogen durch die Luft.
Gegen Abend schienen die Unruhen sich überall im Stadtzentrum auszubreiten. Jedenfalls gipfelte es in der Schliessung der Fernsehsender Imedi und Kavkasia und in der Fernsehansprache des übelgelaunten Präsidenten, der über die Stadt die Ausnahmesituation verhängte. Er bezeichnete das Vorgehen als üblich für demokratische Regierungen wie Frankreich, Deutschland, Schweiz, Amerika. Sein Auftreten zeichnete sich einerseits durch einen sehr belehrenden Charakter, als ob man den Leuten klarmachen müsse, dass dies nun demokratisch sei, andererseits durch bereits peinlichen Pathos aus - "Ich bin bereit für Georgien zu sterben/ mich zu opfern". Damit scheint der Präsident als Person auch im Mittelpunkt zu stehen. Er beschuldigte Russland und Leiter der Opposition der Politsabotage und fand in Russland ein ideales Feindbild.
Heute wurden auch drei Botschafter des Landes verwiesen, wen wunderts. Trotzdem wurde heute von allen Seiten Wert auf "Dialog" gesetzt. Absurderweise warteten die Menschen alle tatsächlich darauf seit dem 2. November, die ganzen letzten Tage, als Dialog noch möglich war.
Tsira hat in der Hinsicht ein sehr treffendes Bild der Diskussionskultur gezeichnet: "Alle benehmen sie sich wie grosse wichtige Tamadas (der, welcher den Trinkspruch ausbringt) und werfen ihre Parolen in den Raum, doch keiner wartet auf eine Antwort." Eine Politik voller wild gewordener Tamadas? Natürlich gibt es andere Politiker, ich denke an Salome Surabischwili, ehemalige Aussenministerin, welche wohl leider momentan einfach überschrien werden. Auch die Opposition stellte ihrerseits vielleicht die ungeschickte Forderung in Parolen wie "Zadi" (Geh!), was offensichtlich auch zu keiner Lösung führen kann.
Aber es gab Leute, die reden wollten, deshalb standen sie all die Tage bei jedem Wetter da ohne irgendwen zu verletzen oder etwas zu beschädigen.
Heute, es ist bereits Ausnahmezustand über das ganze Land verhängt, standen Heerscharen bereit und immer noch die Maskierten fuhren in Jeeps herum, in ihren furchteinflössenden Sturmmasken. Man fragt sich wirklich "Wozu?". Es gab keine Nachrichten, weder Fernsehen noch Radio, bis zwölf Uhr. Die Zeitungen waren um 13h ausverkauft. Dann schaltete sich der staatliche Sender mit einer erneuten Ansprache Saakaschwilis an die Bevölkerung ein. Ich verbrachte ein bis zwei Stunden in meinem bevorzugten Xerox-Geschäft (Copy Shop) und unterhielt mich mit den Angestellten dort. Ich wusste nicht so ganz, wohin heute. Die Strassen sind leer, viele Leute arbeiten evtl. gar nicht, bis Montag gehen die meisten auch nicht zur Schule oder Uni. Justs und ich entschlossen uns heute auch nicht nach Rustawi zu fahren, um einfach auch mal abzuwarten, was jetzt geschieht und Nachrichten irgendwo zu lesen. Die Stimmung ist gedämpft, die Leute resigniert und wütend.
Wir fragen uns, warum Saakaschwili so gehandelt hat. Am Dienstag dachte ich, was, wenn Saakaschwili überhaupt nicht auf die Foderungen und Vorwürfe eingeht? Wie lange werden die Demonstranten geduldet? Stören die überhaupt? Mir schien ein gewaltsames Auflösen als sehr ungeschickt, da die Leute niemals ihre Meinung ändern würden. Dennoch passierte genau das, was unserer Meinung nach hätte verhindert werden können durch vorzeitige Gesprächsbereitschaft.

Kalter Regen über Tbilisi

Seit einigen Tagen macht sich eine zunehmende Kälte bemerkbar, und gestern begann der Regen.
Es bildeten sich tiefe und weite Pfützen, so dass sich die ganze Stadt etwas traurig selbst bespiegelte. Ich selber war auch eher etwas in mich selbst verkrochen und bewegte mich müssig und mit viel Aufwand richtung Markt beim Bahnhof. Ich ging mit Justs auf Secondhand-Tour, um eine Windjacke mit Kapuze zu finden, passend zum Wetter. Meine Stimmung, ich gebe zu, hielt sich in Grenzen. Ich hatte ziemlich durchnässte Stiefel und kalte Füsse. In den Läden fanden wir wohl das, was wir bei uns zuhause, vielleicht überzeugt oder peinlich berührt von unserer kleinen Grosszügigkeit, in weisse Kleiderplastiks stopfen und dem "armen Ausland" spenden. Ein alter Mann suchte in einem fleischigen Lederassortiment von etwa hundert getragenen Jacken ein dickes Exemplar heraus, worauf die Frau mit ihrer Metallstange sie geschickt herunterhangelte und meinte "Asi Lari" (Hundert Lari). Das ist schon viel Geld für eine getragene Jacke, auch wenn sie "Bally" heisst und nur fünfzig Jahre alt ist. Aber bevor ich zur Zynikerin werden möchte, erzähl ich lieber über den guten Kaffee, den man auf dem Markt kaufen kann. Ein alter Mann mit einem auch sehr alten Brillenmodell hinter acht Säcken Kaffee mahlte in einer grossen Kaffeemühle die Bohnen zu feinstem Staub. Das ist meistens ein kleiner Trost bei so trüben kalten Aussichten - ein guter duftender türkischer Kaffee.

Monday, 5 November 2007

Das Demo-Event

Draussen schreit es Tag und Nacht „Sakartvelo!“. Die Opposition schläft nicht. Die Strassenverkäufer rollen auf umgebauten Kinderwagen Getränke und sackweise Sonnenblumenkerne an. Die alten Frauen in Kopftüchern verzehnfachen momentan ihren Umsatz, indem sie an der Demonstration mehre Kilos dieser Kerne verkaufen.
Die in schwarzen Lederjacken gekleideten Männer, telefonierend und temporeich Kerne knackend, dominieren das Bild. Es sind aber auch Frauen und ein paar Kinder dabei und vor allem ältere Leute. Zwischendurch erklingt eine pathetische Georgienarie über den Lautsprecher - die Politik entfaltet all ihr Bühnenkönnen. Musik wird gespielt, und die Menge singt laut mit und tanzt. Saakaschwili schwieg sich bis gestern aus. In einem gestrigen Interview liess er verlautbaren, dass er in keiner Weise auf die oppositionellen Forderungen eingehen werde, worauf heute ein Abgeordneter einer Partei in einen Hungerstreik getreten ist. Ob in diesem Falle das fiebrige Sonnenblumenkernepicken noch zugelassen ist...?
Einerseits nimmt dieses Event absurde theatralische Züge an, wo jeder seine kleine Performance starten kann, anderseits klebt auch eine Bitterkeit an diesen Ereignissen. Wäre das denn die totale Absage an Saakaschwilis Regierung? Was kann den im Gegenzug von der Opposition tatsächlich geboten werden? Macht es Sinn, dass bei Unzufriedenheiten ein radikaler Wechsel der Verhältnisse gefordert wird? Worin besteht die Alternative, sollte die Opposition den totalen Angriff gegen Saakaschwili starten? Man kann nur hoffen, dass sich die Seiten irgendwie einig werden können. Gestern klang ein mehrstimmiger Männerchor heldenhaft wie aus einer alten Mär bis vor unsere Haustür. Der Wind trägt die oppositionellen Zeitungen und die polyphonen Stimmen und Meinungen durch die ganze Gebirgsniederung. Die Luft ist so klar und so schneidend, dass man zur Zeit sogar den grossen schneebedeckten Kazbek sehen kann.

Der Theaterworkshop



Die ersten zwei Wochen haben wir noch gar nicht über ein Theaterstück gesprochen, sondern nur Übungen, Erzählspiele, kleine Improvisationsübungen aufgegeben. Es erstaunte mich , dass jedes Mal mehr Leute auftauchten. Wir hatten natürlich genau das Gegenteil erwartet. Vor allem als noch zwei Jungs freiwillig, oder jedenfalls durch sehr wirkungsvolles Zureden ihrer Freundinnen, zur Gruppe dazustiessen, rieben wir uns ein bisschen die Augen.
Es macht tatsächlich Freude die kleinen Kunstwerke zu sehen, die durch die Improvisationsaufgaben sozusagen aus dem Nichts enstehen. Ich habe mich meistens über den guten Humor und liebevollen Witz der einzelnen Leute gefreut. Besonders die Diskussion zwischen einem Apfel und einer Birne in der Obstschale fand ich extrem gelungen! Und wir sparten nicht an Absurditäten. Wir versuchen diesen leichten „Ad-absurdum-Stil“ beizubehalten. Der „Kreidekreis“ schwebt mir als ein Stück mit sehr absonderlichen Figuren vor, die man sehr überzeichnen könnte. Besser etwas absurd als zu pathetisch.
Die zauberhafte Lehrerin Nelly ist auch eine grosse Hilfe, indem sie uns hilft mit den Kindern den Text zu lesen und einzustudieren. Für viele ist es überhaupt das erste Mal, dass sie einen Text nicht nur lesen, sondern auch interpretieren sollen. Wir versuchen das mit dem Spielen zusammen zu vereinfachen.

Rosensturm - seit dem 2. November

In den letzten Tagen gingen Sturmwinde los und verwehten das bunte Herbstlaub. Es wurde kalt. Bis zu unserem Haus trugen die Winde die Stimmen und skandierten Parolen der Demonstranten der Grossdemonstration. Die Opposition hat zum Gegenschlag aufgerufen: Saakaschwili muss auf die Forderung vorgezogene Neuwahlen zuzulassen Stellung nehmen.
Seine Partei ist momentan die stärkste, und es ist für den Präsidenten momentan ein Leichtes die Verfassung nach Gutdünken zu ändern.
Hier scheint gerade niemand sehr optimistisch zu sein, schon gar nicht die, welche von zuhause aus die Demonstrationen mitverfolgen und manchmal schon von einer „neuen Revolution“ reden.
Da meine Schule am Ende des anderen Stadtteils liegt, und ich eher zeitlich knapp da hinkommen kann, nehm ich hie und da ein Taxi.
Wenn wir dann irgendwo auf der Chavchavadze im Verkehr stehen, erzählt der jeweilige Taxifahrer seine Ansichten über Georgien. Die Geschichte wiederholt sich. Es geht um das Monopol auf Importprodukte wie Salz oder Zucker u.a., um den angestiegenen Preis des Sonnenblumenöls (4Lari - 1.8 Euro), Milch (2.50Lari - etwas mehr als ein Euro), um die niederen menschenunwürdigen Renten.
Schliesslich landet man in der Vergangenheit, in den guten alten Zeiten, in denen für die Menschen gesorgt wurde. „Natürlich, man lebte bescheiden, konnte auch nicht aus der Sowjetunion raus. Doch wir hatten Gas, Strom und Essen. Heute wissen viele nicht, wie sie für den nächsten Tag etwas zu Essen auftreiben.“ Tatsächlich ist die Lage der meisten dermassen trist, dass ihnen die alten Verhältnisse ganz positiv traumhaft in Erinnerung geblieben sind. Besonders alte Leute reden vom bekannten "Ran'še vse bylo lučše". Sie stehen am Rande der Gesellschaft und konsequenterweise des Interesses. Ihre Rente beläuft sich auf 40 bis 70 Lari. Die vielen alten Frauen in der schwarzen Wittwentracht säumen die Strassen Tbilisis wie Trauerbäume. Es sind erschreckend viele, und scheinen unstet herumzuwandeln und teilweise auf gut Glück irgendwo zu klingeln und ein Plätzchen zu finden.
Die Leute gingen also ganz bestimmt nicht für Okruaschwili auf die Strasse.
Das Alter scheint ein Vollwaise geworden zu sein, ausgesetzt von seinen Kindern. Die neue junge Führungselite scheint in den verheissungsvollen westlichen Horizont zu schauen. Doch was geschieht mit dem, was war und denen, die bisher auch waren? Sind denn solche Leute überhaupt in die bereits sehr vorgelebte Idee von dem "Neuen demokratischen Georgien" zu integrieren?
Die Grossdemonstration von vergangenem Freitag verlief sehr friedlich. Im Voraus hatten viele - ich finde auch zurecht - geraten an dem Tag vorsichtig zu sein. Die Polizei war überall stationiert und sperrte die Strassen ab. Die Beamten versammelten sich rauchend an Busstationen oder schliefen manchmal sogar in den Polizeiwagen. Die ganzen Leute kamen scharenweise per Metro in die Innenstadt. Ich stieg beim Freiheitsplatz, unweit des Parlamentes in die Metro, von wo ich zur Schule hinausfuhr. Dort draussen war alles ganz ruhig und wie sonst. Freilaufende Pferde grasten vor dem Schulgebäude, und die Kinder hatten ganz gewöhnlich Schule. Dort, am Stadtrand, vor den roten Hügeln, ist von Stadt nicht viel mitzubekommen.
Wir begannen mit unserer elfköpfigen Gruppe das Stück szenenweise durchzulesen. Über Politik verlor kein einziger auch nur ein Sterbenswörtchen.

Politischer Herbst




Am 27. September hier angekommen, fanden wir uns, die noch orientierungslosen Neulinge, auf dem Rustaveliprospekt wieder, umgeben von einer Menschenmenge, die sich vor dem Parlament zusammenballte.
Die Versammlung war friedlich. Die Leute standen herum, sich unterhaltend, und riefen manchmal plötzlich zustimmende Parolen zur Tribüne, wo sich Vorsitzende verschiedener Oppositionsparteien (es gibt ihrer anscheinend zehn) gegen die Regierung Saakaschwilis gruppierten.
Am Vortag war der ehemalige Vertedigungsminister Irakli Okruaschwili verhaftet worden.
Er hatte dem Präsidenten Korruption auf höchster Ebene sowie sogar den Mord an Ministerpräsidenten Schwania vorgeworfen. Dazu hatte er auf die sozialen und wirtschaftlichen Probleme und auf die ungelöste Abchasienfrage hingewiesen. Wegen Erpressung und Geldwäscherei war er schliesslich angeklagt und verhaftet worden.
Deshalb versammelten sich am folgenden Tag gegen 5000 bis 10000 Demonstranten, die sich der Opposition anschlossen. Der Fall Okruaschwili war aber offensichtlich eher ein willkommener Anlass, um gegen die Regierung Saakaschwili zu demonstrieren.
Der Grundmodus klang überall etwa gleich: „Er muss nun nach vier Jahren sehen, dass das Volk nicht zufrieden ist. Wir haben die meisten Probleme noch nicht gelöst. Die wirtschaften in ihre eigene Tasche und nennen andere korrupt. Die Preise steigen, und das Volk wird immer ärmer. Unser Land wird an fremländische Investoren verkauft, das schmerzt uns. Er hat einige gute Sachen gemacht, aber auch sehr viele schlechte. Wir brauchen keine bunten Springbrunnen und Häuser, schauen sie mal in unsere Hinterhöfe!“
Tatsächlich erfreut sich Saakaschwili hier grosser Unbeliebtheit, was ich vor meiner Ankunft tatsächlich nicht gewusst hatte. Mir war das allgemeine Medienecho immer sehr optimistisch vorgekommen, wann immer von der neuen Regierung in Georgien die Rede gewesen war.


Der erste Monat Oktober im Zeitraffer

Nach einem Monat weiss ich nicht, was mir schwerer fällt als die Ereignisse ein wenig zu ordnen. Dies ist ein bescheidener Versuch. Ich hoffe ab jetzt regelmässiger schreiben zu können. Bis vor zweieinhalb Wochen hing unser Projekt völlig in der Schwebe - um diesen Euphemismus zu verwenden, denn eigentlich fanden wir heraus, dass wir gar keines hatten. Unsere Organisation bestand, wie Vieles hier, aus der blossen Fassade.
Dank der glücklichen Verkettung tausend kleiner Ereignisse, lernte man den und diese über diese und jene kennen, wodurch wir bald auf eine neue Tätigkeit stiessen, die seit zwei Wochen unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.
Es begann, warum auch nicht, am 3. Oktober, am Tag der deutschen Einheit. Eingeladen von einem Bekannten, der am Goetheinstitut arbeitete, besuchten wir die Deutschschüler der Schule Nr. 102 am Stadtrand auf dem vierten Plateau. Hinter dem Schulhaus zieht sich eine rotbraune Hügelkette in eine unbewohnte Berglandschaft.
Nach einem kurzen Begrüssungsaustausch in dem sehr offziell aussehenden Konferenzraum des Schuldirektors, suchten wir die Schüler in einer Klasse auf.
Es wurden deutsche Lieder gesungen, aber auch georgische, und die Deutschen, die dabei waren, David z. B., wurde eingeladen, etwas zum Tag der Deutschen Einheit zu sagen. Eine grosse Landkarte wurde an der Tafel befestigt und die Teilung Deutschlands sowie die Wiedervereinigung erläutert. Jeder schüttelte sich etwas aus dem Ärmel.
An diesem Tag lernten wir Frau Nelly, eigentlich Nelly Lomtadze, kennen, eine Deutschlehrerin. Nachdem vor einiger Zeit die Schule aus dem deutschen Diplomprogramm gefallen war, entschloss sie sich für die Kinder und Jugendlichen einen „Deutschen Fanclub“ zu gründen, mit dem sie auch Theaterstückchen aufführen möchte.
Justs und ich boten an, einen Theaterworkshop mit den Schülern durchzuführen und schliesslich ein Stück zu inszenieren. Ohne lange zu reden, waren wir uns einig.
Und so sind wir jetzt zweimal pro Woche in der Klasse und machen mit den Leuten Übungen, kleine Improvisationen. Wir haben eigentlich sehr wenig Zeit, im Zentrum steht auch bereits jetzt die Inszenierung des „ Kaukasischen Kreidekreises“. Es gab etwas zu tun, das Stück zu kürzen und etwas anzupassen. Morgen findet bereits Leseprobe statt. Natürlich ist es nicht ganz so einfach. Da die Sprache bei allen sehr unterschiedlich fortgeschritten ist, müssen wir uns dafür viel Zeit nehmen und auch die Aussprache üben.
Im Dezember soll das Stück fertig sein, bis dahin müssen wir noch sehr viel tun. Nelly hilft uns, indem sie den Text mit den Schülern auch während des Unterrichts liest und bespricht. Wahrscheinlich bewährt sich eine einfache schlichte aber veränderbare Szenographie und eine schlichte andeutende Kostümierung.
Seit Montag wissen wir auch, dass wir einen Theatersaal an einer anderen deutschen Schule im Zentrum für einige Proben und die Inszenierung benutzen können. Die Direktorin war sehr freundlich und gab sich sehr unkompliziert. Wir hoffen, dass alles auch so bleibt und uns der Raum dann auch wirklich zusteht. Manchmal muss man auf Nummer sicher gehen und mehrmals nachfragen.
Mir gefällt die Arbeit mit den Schülern. Das Wichtigste ist, dass sie Freude am Spielen haben und dadurch einen neuen Zugang zur Sprache finden. Wir versuchen eine Mischung zwischen improvisierten und gelernten Situationen hinzukriegen, v.a. ihre Spontaneität anzuregen. Wie gesagt, es wäre eigentlich prima dafür ein halbes Jahr oder länger Zeit zu haben. Die Leute werden viel lockerer und gesprächiger nach einer Weile.
Ich bin immer wieder über ihre guten Einfälle verblüfft, wenn es um eine Improvisation oder ein Einstudieren einer Szene geht. Wir bekommen dadurch sehr viel zurück.
Nun beginnen Justs und ich langsam einige Szenen in unserem Skizzenbuch zu erstellen, eine ungefähre Personenaufstellung zu arrangieren und. Es ist nicht ganz anspruchslos - es gibt mehrere Doppel- bis Dreifachrollen.
Wir probieren es einfach aus.

Durch einen anderen GLEN-Freund, Mindaugas, lernte ich dessen Freund Jugas kennen, der in Rustawi in einer Kindertagesstätte mitarbeitet. In dieser Tagesstätte sammeln sich von 12 -18 Uhr bis zu vierzig Kinder verschiedensten Alters aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Er wäre froh, meinte er, mit ein paar anderen Freiwilligen zu arbeiten, da es schwierig ist mit einer immer unterschiedlichen Zusammensetzung von Kindern etwas zu unternehmen. Justs und ich verbringen nun zwei Tage in Rustawi und finden darin einen Gegensatz zu Tbilisi der Hauptstadt und zu den motivierten fast schon sorgenfreien Deutschschülern.